Veröffentlicht in Allgemein, Memory Lane

Keine schönen Pfingsten

Vogelbeerblüte

Ich muss gestehen, ich hatte mich sehr auf die Pfingsttage gefreut. Leider waren sie nicht so schön, wie erhofft. Am Samstag mal wieder Nerv mit unserem durchgeknallten Vermieter, was mich sehr mitgenommen hat, dann der Sonntag mir Regen und viel Gerede, wie man Situationen, wie die am Samstag, vermeiden kann und schließlich früh zu Bett und einfach alles verschlafen wollen. Heute morgen bin ich dann recht früh aufgewacht und alles ließ sich einigermaßen gut an, wir gingen spazieren, das Wetter war schön und alles versprach recht nett zu werden. Bis am Nachmittag die Nachricht kam, dass Mick Fitzgerald in den Morgenstunden verstorben wäre.

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Mick war ein sehr spezieller Mensch. Wir haben zwei musikalische Lesungen mit ihm und Gabriele Haefs hier in Kiel gemacht und waren beide Male begeistert. Er war ein Multitalent, Musiker, Schriftsteller, Schauspieler und vor allem ein Mensch mit Wärme und Humor und einem scharfen Blick auf die Welt. Zu unserer Anthologie „Narrenflieger“ hat er die Geschichte „Der Zwanzigste“ beigesteuert, hier gelesen von Gabriele Haefs.

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Veröffentlicht in Allgemein, Memory Lane

Memory Lane

schilksee

Seit einiger Zeit, wenn ich noch so zwischen Schlafen und Wachen bin, tauchen Bilder aus meiner Kindheit auf. Viel Ostsee ist dabei. Ich hatte eine recht freie Kindheit auf dem Lande, aber wenn es ab Mai an den Wochenenden, und im Sommer für sechs Wochen, an die Ostsee ging, bekam diese Freiheit noch eine andere Qualität. Vor dem Frühstück ging es zum Baden und nach dem Frühstück, konnten wir bis zum Abendessen machen was wir wollten. Damals haben wir in der Nähe von Heiligenhafen gezeltet und ich erinnere mich in Badezeug, an den Zelten der Nachbarn vorbei, zum Strand gelaufen zu sein. Zu eilig um lange mit jemanden zu sprechen, zu begierig am Wasser zu sein. Komischerweise bin ich in vielen dieser Bilder alleine und wenn ich darüber nachdenke, dann habe ich mich auch als Kind oft abgesondert. Ich war lebhaft und gesellig, aber eben auch gerne für mich. So erinnere ich mich an einen stürmischen Tag. Wir sollten nicht ins Wasser gehen. Ich verstand nicht warum, denn Wellen waren doch toll. Also ging ich natürlich ins Wasser und es war großartig. Ich gab mich völlig den Wellen und dem Wind hin und plötzlich war ich ungefähr zweihundert Meter von dem Platz weg, an dem ich ins Wasser gegangen war. Da verstand ich was gefährlich war. Damals war ich vielleicht  8 oder 9.

Danach kam der Sommer, an dem meine Eltern plötzlich nach Hause fuhren und wir bei Tante Thea bleiben mussten. Meine Oma war erkrankt, also die Mutter meines Vaters. Eines Tages kam Tante Thea und sagte kurz: Deine Eltern bleiben noch länger, Oma G. ist gestorben. Ich kann mich nicht erinnern, da geweint zu haben, aber ich sehe mich noch immer in dem kleinen Zweimann-Zelt sitzen und zu versuchen zu ergründen, was gestorben bedeutet. Ich wusste nur eines, ich würde sie nicht wiedersehen und sie war doch so wichtig für mich. Niemand hat danach mit mir darüber gesprochen, auch meine Eltern nicht. Ich erinnere mich aber, dass es an dem Tag Saure Suppe gab. Eine Abscheulichkeit sondergleichen. Suppe die auf Schinkenknochen gekocht und mit Backobst und Essig verschlimmbessert wird. Das war eindeutig kein guter Tag. Danach begann eine dunkle Zeit, keiner schien zu realisieren, was Omas Tod für mich bedeutete, nicht einmal ich. Da war nur eine Lücke und die musste ich füllen. Ich begann zu stehlen, nicht in Läden, sondern Kleingeld aus Mutters Börse, um mir Süßigkeiten zu kaufen. Dann blieb ich sitzen und irgendwann ging das Leben normal weiter.

Heute morgen habe ich mich erinnert, wie ich das erste Mal meine Periode bekam. Das war auch an der Ostsee. Ich war dreizehn und zwei entscheidende Sachen passierten, Asterix, und damit eine zarte Idee von Anarchie, trat in mein Leben und ich bekam meine Regel. Es traf mich nicht unerwartet, also ging ich, nachdem ich Blut in meiner Unterhose gefunden hatte, zu meiner Mutter und sagte: „Ich brauche Camelia, ich hab meine Tage gekriegt.“ Und wünschte sofort ich hätte ihr nichts gesagt, die Frau rastete total aus. Während sie mich mit Vorlagen in matrazenstärke versorgte, schwallte sie Instruktionen, wie: Nicht baden! Keinen Kaffee trinken, das treibt und so weiter. Nebenbei unterrichtete sie den halben Campingplatz von dem Ereignis. Mich nervte das entsetzlich. Nicht weil ich mich schämte, sondern weil sie, wie so oft, etwas öffentlich machte, was ich als privat, und wirklich nur mich betreffend, betrachtete. Übrigens habe ich bis heute nicht verstanden, warum ich nicht baden gehen sollte. Wahrscheinlich hatte sie Angst, ich würde die Haie anlocken oder ähnliches. Das war auch der Tag, an dem das Verhältnis zwischen Mutter und mir kippte. Auf einmal war da nur noch Misstrauen und jeder Junge mit dem ich etwas unternahm, zog die „Pass bloß auf, dass du nicht schwanger wirst“ Rede mit sich. Ich war dreizehn und alles was mich an Jungen interessierte war, dass sie klettern konnten, sich nicht scheuten dreckig zu werden und sich von mir rumkommandieren ließen.